Via Kurz-Finanzier Schütz war der chinesische Mischriese HNA einst Großaktionär der Deutschen Bank. Jetzt wurden die Bosse festgenommen, das Konglomerat steht vor der Zerschlagung. Ein Konstrukt zwischen Einfluss und Argwohn der Kommunistischen Partei.
Wien, 30. September 2021 | Die Krise des einstigen Vorzeige-Mischkonzerns HNA geht weiter. Wie der chinesische Riese letzte Woche selbst mitteilte, wurde die HNA-Führungsspitze festgenommen. Vorstandschef Tan Xiangdong und Verwaltungsratschef Chen Feng stünden im Verdacht „krimineller Handlungen“.
Hierzulande kennt man HNA vor allem im Zusammenhang mit ÖVP-Großspender Schütz. Über ein Vehikel von Schütz‘ Vermögensverwalter C-Quadrat firmierte HNA bis 2019 als größter Aktionär der Deutschen Bank.
Absturz einer Blackbox
HNA befindet sich derzeit im Insolvenz- und Sanierungsprozess. Die Festnahme der Bosse ist der nächste Akt eines beispiellosen Niedergangs. Gerade in der Coronakrise trifft es den Konzern, der vor allem in den Branchen Luftfahrt, Finanzen und Tourismus tätig ist, schwer. Was ist passiert?
Das Geschäftsmodell der Chinesen ist seit jeher schuldenfinanziert. Hinzu kommt, dass der Einfluss von Chinas Führung lange unklar scheint. Mischt die Kommunistische Partei mit und nutzt den Konzern als Vehikel geoökonomischer Interessen? Oder betrachtet das Regime den wachsenden Riesen mit Argwohn und will mehr Zugriff? Richtig ist wohl beides. Der Hongkonger Experte Warut Promboon betont gegenüber Al Jazeera das Regimeinteresse an HNA, doch das Konglomerat sei schneller als die Expertise des eigenen Managements gewachsen.
Im Westen ist das lange Zeit kein Problem: mit zahlreichen Firmenübernahmen und Einstiegen schinden die Chinesen zunächst Eindruck. HNA steht für den Aufstieg Chinas und den steigenden Einfluss des Landes im Westen. Auch Kurz-Finanzier Schütz ist zunächst davon überzeugt: Insidern zufolge reist der österreichische Investor mehrmals nach China, um den Einstieg der HNA bei seinem Vermögensverwalter C-Quadrat unter Dach und Fach zu bringen – erfolgreich. Im Jahr 2016 kaufen sich die Chinesen bei der C-Quadrat ein. Nur ein Jahr später erhöht man die Anteile bei der Deutschen Bank auf knapp 10 Prozent und wird größter Einzelaktionär.
Mysteriöser Tod ungeklärt
Bankinsider rätseln, wie nachhaltig das Modell HNA ist. Erste Finanzprobleme werden bekannt, die chinesische Führung beginnt den intransparenten Konzern zu durchleuchten. Dann der Schock im Juli 2018: Co-Gründer Wang Jian stirbt während seines Urlaubs in Frankreich. Der damals 57-Jährige stürzt bei einem Fototermin 15 Meter in die Tiefe. Augenzeugen berichten französischen Medien zufolge von einem Selbstmord, doch die Polizei dementiert: es soll ein Unfall gewesen sein. Die HNA schweigt, der Fall bleibt ungeklärt.
Auf Wangs Tod folgt schließlich der Rückzug: im Februar 2019 verringert der Mischkonzern zunächst die Deutsche Bank-Anteile, um sich danach komplett zurückzuziehen. Schütz und sein Partner Cristobal Mendez de Vigo kaufen sich die Mehrheit am Vehikel C-Quadrat zurück und beenden das Gastspiel der Chinesen rechtzeitig vor dem endgültigen Zerfall.
Präzedenzfall für chinesische Firmen
Dem HNA-Management wird unter anderem Veruntreuung vorgeworfen, über Konstruktionen im Ausland soll ein komplexes Firmengeflecht aufgebaut worden sein. Teilweise könnte die HNA 50 Prozent mehr als ihre Wettbewerber für Flugzeugmaterial bezahlt haben, heißt es. Seit die Bosse festgenommen wurden, ist das Konglomerat laut „Al Jazeera“ fest in der Hand des Pekinger Staatsapparats.
Für Experte Warut Promboon sind die jüngsten Vorgänge rund um die HNA ein Präzedenzfall für, wie er es nennt, „Restrukturierung“. Für die Zukunft soll der Mischkonzern in vier Einzelteile zerschlagen werden: Luftfahrt, Flughafen, Handel und Finanzen. Investoren würden jetzt wissen: „Diese Dinge könnten einer Menge Firmen in China passieren“, so der Hongkonger Experte.
(wb)
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