Das ist ein Unterüberschrift
Czernowitz liegt im Südwesten der Ukraine. Hier schlug noch keine russische Rakete ein. Trotzdem hat der Krieg die Stadt längst erreicht.
Czernowitz, 09. April 2022 | Der Mann von den Grenztruppen und die Frau vom Zoll teilen sich einen Schreibtisch. Ihre Ellenbogen reiben fast aneinander. Doch nachdem der Soldat unsere Pässe zurückgegeben hat, müssen wir den Container durch die eine Tür verlassen und durch die andere wieder betreten. Dort geben wir – eine halbe Schreibtischlänge weiter – unsere Pässe dem Zoll. Die Bürokratie in der Westukraine funktioniert.
„Ich bin Journalist. Darf ich ein Foto vom Grenzposten machen?“ Alle lächeln freundlich. Die Frage löst Ratlosigkeit aus. Ein halbes Dutzend Bewaffneter versucht sich einen Reim darauf zu machen, was der Österreicher will. Gestikulieren hilft auch nicht. Wir müssen alle lachen. Unser Übersetzer springt ein, wiederholt die Frage. Da machen alle ernste Gesichter: Streng verboten! Da nützt auch die Akkrediterung der Regionalregierung nichts.
40 Kilometer hinter dem Grenzposten liegt Czernowitz. Die alte Hauptstadt der Bukowina, so groß wie Graz, ist friedlich. Hier ist noch keine Rakete eingeschlagen. Das verdankt die Stadt wohl dem Umstand, dass die Landebahn des internationalen Flughafens schon vor dem russischen Angriff unbenutzbar war. An die muss man keinen Luftangriff verschwenden. Die Sirenen heulen hier trotzdem oft. Niemand weiß, ob der nächste Angriff nicht doch Czernowitz trifft.
Neun Tage und Nächte
Im Stadtzentrum hat eine Hilfsorganisation ein „Welcome Center“ eingerichtet. Flüchtlinge von der Front stehen zu jeder Tageszeit in einer langen Schlange vor der Tür. Hier gibt es Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten, Hygieneartikel und andere Dinge, die zu Hause bleiben mussten.
Drei Frauen aus Odessa haben sich hier kennengelernt. Sie heißen nicht wirklich Anastasya, Katharyna und Natalia. Es fallen Bomben auf ihre Heimatstadt, erzählt Anastasya. Aber sie will zurück, sobald die Ukraine den Krieg gewonnen hat. Dass es so kommt, steht für die junge Frau außer Frage. Sie wisse nicht, wie es ihrer Familie und ihren Freunden geht, sagt Katharyna. Sie schaut zu Boden, während sie spricht. Natalia erzählt, dass sie und ihr Mann neun Tage und Nächte im Keller verbrachten, aus Angst vor den Raketenangriffen. Natalias Mann ist noch in Odessa. Sie bricht in Tränen aus, als sie von ihm erzählt.
Vor dem Welcome Center
Im Haus mit den Löwen
Sergej Osachuk ist Gouverneur des Oblasts Czernowitz. Er befürchtet, dass die Angriffe auf Odessa schlimmer werden. „Putin glaubt, Odessa wäre ein Teil Russlands, weil die Leute dort Russisch sprechen. Wenn er die Stadt erobert, wäre das ein wichtiger symbolischer Sieg.“
75.000 Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine sind in Czernowitz – einer Stadt mit 260.000 Einwohnern. Bald werden es 100.000 oder mehr sein, glaubt Osachuk. Wie viele kommen am Tag? Genau weiß das niemand. Wie viele kamen gestern? „400“, sagt eine Mitarbeiterin des Gouverneurs. „1.000“, sagt Osachuk. Dass es viele sind, sieht man.
Im Büro des Gouverneurs
Der Gouverneurssitz, das „Haus mit den Löwen“, wie man in Czernowitz wegen der monumentalen Statuen vor dem Eingang sagt, wird von jungen Männern und Frauen bewacht. Bei der Rekrutierungsstelle der Regionalverteidigung hat man ihnen Sturmgewehre in die Hand gedrückt, die viel zu groß für sie aussehen.
In der Umgebung der Stadt riegeln Milizionäre Seitenstraßen mit Sandsackbarrieren ab. Wozu das gut ist? „Hauptsächlich für die Moral“, vermutet Vitali. Er ist unser „Stringer“, der Mann mit Ortskenntnis und Kontakten. Vitali ist in Czernowitz aufgewachsen. „Hier habe ich die Schule geschwänzt“, sagt er und zeigt auf ein Kino. „Hier gab es in der Sowjetzeit die beste Disco.“ „Das Kinderkrankenhaus gibt es schon der k. u. k.-Zeit. Hier wurde ich geboren.“
„Das ist nicht nur Putins Krieg“
Für Vitali hat das alles eine tiefere Bedeutung. „Ich kann nicht glauben, dass Krieg ist“, sagt er, als wir im Stadtzentrum in der Frühlingssonne stehen. Für Gouverneur Osachuk ist die Organisation des Krieges von seinem gediegenen Büro aus tägliche Arbeit. In Czernowitz werden Hilfslieferungen von Paletten abgeladen und in handliche Pakete verpackt. „Mit einer Palette kann man nichts anfangen, wenn man im Keller sitzt, sagt er.“ Die Wut auf die Angreifer sitzt tief, besonders nachdem die Gräueltaten russischer Soldaten in Vororten Kiews bekannt wurden. „Das ist nicht nur Putins Krieg“, sagt er. „Das ist der Krieg des russischen Volkes.“ Osachuk sieht die Verantwortung bei allen Russen.
Freiwillige schnüren Hilfspakete
Vom Westen wünscht er sich, dass man geeint gegen Russland stehe, „wie damals gegen Hitler.“ Tausende, vielleicht hunderttausende Ukrainer hat Russland aus den besetzen Gebieten deportiert. Was mit ihnen geschehen ist, weiß man nicht. „Wir hören nur Gerüchte“, sagt Gouverneur Osachuk. „Sicher wissen wir nur, dass die Menschen nicht im Westen Russlands sind. Aber ob sie hinter den Ural oder an die chinesische Grenze gebracht wurden, wissen wir nicht.“
Die entschlossenen Panzerschlepper
In einem Vorort von Czernowitz treffen wir uns mit einigen Bauern. Vor einer Lagerhalle hat jemand selbstgezimmerte Möbel aus Paletten aufgestellt. Eine bunte Häkeldecke liegt über dem Tisch. Kennt der junge Mann, der unter seiner Baseballkappe in die Sonne blinzelt, die Videos von Kollegen, die mit ihren Traktoren russische Panzerfahrzeuge erbeuten? Ja. Und was sagt er dazu? Dass es ihn nicht verwundert. Man müsse sehr entschlossen sein, um in der Ukraine Landwirtschaft zu betreiben, erklärt er mit großem Ernst.
Ob er sich auch einen Panzer besorgen wolle? Ganz kurz lacht er. Es hält nicht an. „Ich hoffe, dass es nie dazu kommt. Ich hoffe, dass niemals fremde Soldaten hierher kommen.“
“Kein Sputnik!”
Überall führen Männer das große Wort. Nicht so in der Ambulanz des städtischen Krankenhauses. Sie wird von zwei Frauen geleitet. Direktorin Maria und ihre Stellvertreterin Svetlana stellen sich mit Vornamen vor.
Maria redet wie ein Wasserfall, unser Übersetzer kommt kaum nach. Die Ambulanz ist für die Versorgung von mehr als 100.000 Menschen da, 500 kommen an einem normalen Tag. Aber wegen der vielen Flüchtlinge in der Stadt gibt es keine normalen Tage mehr.
In der Ambulanz haben die Frauen das Sagen
Die Ambulanz dient auch als Verteilzentrum für Medikamente. “Wir sind ständig am Aus-, Um- und Einpacken”, erklärt Svetlana. Die Medikamente gehen in den Osten, wo Ärzte und Krankenhäuser mit leeren Händen arbeiten.
Dabei könnte die Ambulanz die Medikamente selbst gut brauchen. Die Kämpfe um Kiew haben die Lieferketten unterbrochen, die wichtigsten Produktionsstätten innerhalb der Ukraine liegen in umkämpften Gebieten und arbeiten nicht. Es fehlen vor allem Antibiotika, Blutdruckmedikamente, Schmerzmittel und Medikamente für Chemoptherapien.
Corona ist kein großes Thema. Die Leute haben andere Sorgen, erklärt man uns. In den ersten zwei Wochen nach Kriegsbeginn kam überhaupt niemand mit Corona-Symptomen in die Ambulanz, jetzt seien es einige wenige. Damit werde man fertig. Außerdem seien viele Menschen geimpft. “Aber nicht mit Sputnik!”, betont Maria.
Sie zeigt auf Löcher in der Wand. “Wir wurden nicht bombadiert,” sagt die Direktorin lachend. “Wir müssen nur renovieren.” Zum Abschied wünscht sie uns Frieden.
(tw)
Bilder: ZackZack