Was hält der Wiener Bürgermeister von den Aktionen der „Letzten Generation“? Warum liegen ihm Tauben und Insekten so am Herzen? Und was sagt er zur Pressevielfalt in Österreich? Michael Ludwig im zweiten Teil des großen ZackZack-Interviews.
Wien | Der nächste Teil unserer Interview-Serie mit dem Wiener Bürgermeister: über Klimakleber, Tauben im Gemeindebau, Bienen auf dem Rathaus, womit sich Ludwig so in seinem Kleingarten herumschlägt und über den Goldschakal.
ZackZack: Immer wieder protestieren Klimaaktivisten auf Wiens Straßen und kleben sich fest. Aus dem rechten Eck wird da gerne mit Begriffen hantiert wie “Klimaterroristen”. Wie stehen Sie dazu?
Michael Ludwig: Ja, also, wir nehmen den Klimawandel sehr ernst in Wien. Wir haben seit über zwanzig Jahren ein Klimaschutzprogramm der Stadt Wien. Wir haben jetzt auch einen Klimafahrplan und auch eine Klimacitystrategie präsentiert, an der wir uns stark orientieren in allen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Das ist auch der Grund, warum die Co2-Emissionen pro Kopf in Wien halb so hoch sind wie im Österreichschnitt. Wir führen einen sehr umfassenden Ausbau des öffentlichen Verkehrs durch. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhanges am Beginn der neunziger Jahre leben in Wien 400.000 Menschen mehr. Das ist mehr als die zweitgrößte Stadt in Österreich, Graz, Einwohnerinnen und Einwohner hat. Und dass ein solches Bevölkerungswachstum einher gehen muss mit mehr Wohnungen, mehr Schulen, Kindergärten, Straßen, scheint mir relativ klar zu sein.
Ich schätze zum Beispiel sehr, wenn junge Menschen sich jetzt auch in den verschiedenen Startup-Betrieben kümmern. Wir haben vor, und das setzen wir auch konsequent um, dass wir jedes Jahr in der Größenordnung von einhundert Fußballfeldern Photovoltaikanlagen in Wien installieren. Vor kurzem war erst der deutsche Vizekanzler und Wirtschaftsminister Habeck in Österreich und auf die Frage eines Journalisten, was ihm am besten in Österreich gefallen hat, hat er gesagt: Das war die Wärmepumpe in Simmering, und er würde sich wünschen, wenn deutsche Städte ähnliches hätten.
Ich glaube man sollte keine Maßnahmen setzen, die die Bevölkerung eher von dem wichtigen Thema Klimaschutz abbringen und aufbringen, sondern eher konsequent und konstruktiv an der Lösung dieser großen Herausforderung, und das ist unbestritten eine große Herausforderung, arbeiten.
Also gut, Sie sind kein großer Freund der Klebeaktionen der Letzten Generation.
Das ist richtig, ja.
Jetzt entstehen diese Dinge natürlich aus der Verzweiflung heraus, dass sehr viel vorher versucht wurde, auch mit Protestmitteln, die genehmer sind. Fridays for Future hat lange Zeit demonstriert und aus der Sozialdemokratie wurde gerne mitgegangen. Passiert ist halt sehr wenig, deswegen wird jetzt zu Mitteln gegriffen, um sich mehr Gehör zu verschaffen. Was auch funktioniert – wir sprechen inzwischen darüber. Braucht es nicht unangenehmen Protest und solche Aktionen, die Aufmerksamkeit bringen, um da etwas weiter zu bringen und den Druck zu erhöhen?
Dem würde ich eben widersprechen, das stimmt eben nicht, dass nichts weiter gegangen ist. Ich glaube, wir können in Wien beweisen, wenn man konstruktiv an die Sache herangeht, dass man sehr wohl etwas bewirken kann. Ich halte das auch für nicht gut, dass man das immer so darstellt, als würde sich nie etwas bewegen. Was soll man da bewirken? Die Menschen werden sagen: Wenn man eh nichts bewirken kann, dann lassen wir es doch gleich. Das ist eine Art von Fatalismus, dem kann ich mich nicht anschließen.
Also man soll ja nicht so tun, als würden wir jetzt das erste Mal vor irgendeiner Apokalypse stehen. Ich bin so alt, dass ich mich noch gut erinnern kann, wie der saure Regen ein Riesenproblem war, oder das Ozonloch, und dass wir alle verbrennen werden, und in Wirklichkeit hat man durch konsequente Maßnahmen, die gesetzt worden sind, erreicht, dass das Ozonloch jetzt wieder zurückgeht. Das ist gut so. Das ist nicht von selbst passiert, das war in Verbindung mit konsequenten Maßnahmen.
Aber dass wir nach 700 Tagen immer noch kein Klimaschutz-Gesetz in Österreich haben, das ist in der Verantwortung der Bundesregierung und dass wir ein Wärme- und Erneuerbare Energiegesetz brauchen scheint mir auch notwendig zu sein, um weitere Maßnahmen im Bereich Bauen und Wohnen umzusetzen. Also da muss man dann schon genau hinschauen, wo die Versäumnisse bestehen. Da kann man noch mehr machen auf Bundesebene, aber da muss man die Verantwortlichen der Bundesregierung darauf ansprechen. Ich glaube wir können in Wien nachweisen, dass wir nicht nur bei Sonntagsreden den Klimawandel ansprechen, sondern dass wir eben konkrete Maßnahmen setzen.
Klimagerechtigkeit ist auch immer eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Wien hat einen hohen Versiegelungsgrad. Die Grünflächen sind sehr ungleich verteilt. Was für Maßnahmen setzen Sie, um mehr Grünflächen zu schaffen, um mehr Bäume zu pflanzen, und um die Grünflächen gerechter auch zu verteilen in den Bezirken?
Zum einen sind wir die Stadt in Europa – wahrscheinlich sogar weltweit – mit dem höchsten Anteil an Grünraum. Also wir haben in den letzten Jahren mehr als fünfzig Prozent Anteil Grünraum gehabt. Wir haben das sogar ausgeweitet. Jetzt werden Sie sagen: Wie geht das, dass man in einer Stadt, wo mehr Wohnungen errichtet werden, mehr Arbeitsplätze geschaffen werden – man sollte nicht vergessen, jeden Tag pendeln 300.000 Menschen aus anderen Bundesländern nach Wien ein – trotzdem wir den Anteil an Grünraum auf 53 Prozent erhöht? Das ist deshalb gelungen, weil wir in neuen Stadterweiterungsgebieten nicht nur Wohnungen und Arbeitsplätze errichten, und Schulen und Kindergärten, sondern eben auch Parkanlagen. Schwieriger ist das im historisch gewachsenen Teil Wiens. Also in den Gründerzeit-Vierteln.
Ist ja nicht so, dass die Menschen alle sagen, wir wollen dort weg – ganz im Gegenteil. Und wir bemühen uns auch in diesen dicht bebauten Gebieten, beispielsweise innerhalb des Gürtels, rund um den Gürtel, dass wir dort zusätzlich Grünraum schaffen. Das ist durch Bepflanzungen von Straßen, zum Beispiel, möglich. Das ist dort allerdings schwerer, muss man auch zugeben.
Vor kurzem gab es die Nachricht, dass die Tauben in den Wiener Gemeindebau einziehen. Jetzt gibt es den ersten Taubenschlag. Wollen Sie für Tierschutz und für Tierrechte weitere Maßnahmen umsetzen in dieser Legislaturperiode?
Ja, Tierrechte sind etwas ganz Wichtiges. Und erfreulicherweise haben wir in einer Großstadt wie Wien sehr viele Wildtiere, die sich hier auch wohlfühlen. Das ist ein gutes Zeichen der Biodiversität. Bei den Tauben ist das Problem, dass sie unsachgemäß gefüttert werden. Das ist auch schlecht für die Tauben. Das Problem ist, dass die Menschen, die sie füttern, glauben. sie tun etwas Gutes und genau das Gegenteil bewirken. Ich bin da im laufenden Kontakt mit der Veterinärmedizinischen Universität. Wir versuchen zum einen den Tauben unmittelbar zu helfen, aber auch die Menschen, die ein besonderes Herz für die Tauben haben, zu informieren, was man tun kann um den Tauben zu helfen und sie nicht gesundheitlich zu schädigen.
Ich wohne in einem Kleingarten in Floridsdorf. Ich versuche meine Fläche, für die ich Verantwortung trage, möglichst biologisch zu führen. Das führt manchmal zu Diskussionen mit meinen Nachbarn, die lieber Rasen und Thujen-Hecken haben, aber prinzipiell ist es wunderschön zu sehen, was alles möglich ist an Tieren, die sich in einer Blumenwiese ausrichten.
Das beginnt schon bei den Insekten. Ich könnte stundenlang, ehrlich gesagt, beobachten, wie unterschiedliche Insekten, Spinnen, Ameisen, Asseln, die ja die Grundlage sind für die Ernährung der Vögel. In meinem Kleingarten auf Besuch kommen ganz unterschiedliche Vögel. Das ist irrsinnig interessant zu beobachten. Aber es kommen auch beispielsweise Igel, Marder und vieles andere mehr. Und man kann das sogar an einem relativ kleinen Stück Natur beobachten, wie diese Ernährungskette funktioniert. Und von da her ist ja die Frage, warum es so deutlich weniger Insekten gibt, eine ganz wichtige. Weil das Auswirkungen hat auf die Population der Vögel, und die Population der Beutegreifer.
Es wurde ja auch unlängst erstmals ein Goldschakal in Wien gesichtet.
Ja! Und Füchse, Marder, Dachse, die alle bei uns in Wien aufhältig sind. Ich bin der Meinung, es ist immer gut, wenn es eine mögliche Buntheit gibt. Das ist in der Natur generell so angelegt, das gilt bei Pflanzen genauso wie in der Fauna. Und ich glaube auch eine Gesellschaft profitiert von möglichst viel Diversität.
Ist es nicht angesichts der Dramatik gefordert, dass man eine noch ehrgeizigere Strategie für Biodiversität entwickelt?
Wir haben am Dach des Rathauses beispielsweise Bienenstöcke. Die Bienen sind unterwegs in der Innenstadt und produzieren biologischen Honig. Das heißt, der Honig ist sehr naturgerecht zustande gekommen. Und das ist ein wunderbares Beispiel, dass es mitten in der Stadt eine so hohe Qualität gibt. Lebensqualität für die Menschen, aber auch für die Bienen.
Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn ich würde behaupten, das ist nicht in vielen Millionenstädten möglich, dass mitten in der Stadt Bienen biologischen Honig herstellen. Und es geht nur, weil wir eben verzichten auf Spritzmittel und die Schadstoffemissionen in der Luft stark reduziert haben. Das sind Gradmesser, wo man anhand der Tierpopulation erkennen kann, wie politische Maßnahmen, zum Beispiel im Umweltschutz und Klimaschutz, greifen.
Zum Ende noch zu etwas ganz anderem: Das neue Medienförderungsgesetz wird von verschiedenen Vertretern der Branche stark kritisiert. Sehen Sie eine Möglichkeit der Stadt Wien, Qualitätsjournalismus am Leben zu halten?
Also ich würde es beispielweise für einen großen Skandal halten, wenn die “Wiener Zeitung”, die älteste Zeitung weltweit, eingestellt wird. Sie hat eine sehr gute Redaktion, die auch einen sehr guten Journalismus betreibt. Medienvielfalt lebt eben von ganz unterschiedlichen Medien. Das halte ich prinzipiell auch für gut und richtig. Nicht alles, was ich täglich lese und konsumiere in der Medienwelt, begeistert mich, aber das ist ja nicht Aufgabe der Medien. Von daher ist eine möglichst große und breite Vielfalt wichtig.
Nichts ist schlimmer, als wenn man den Eindruck hat, dass alle Medien einem Mainstream folgen. Von daher kann man auch Ihrer Redaktion gratulieren, dass sie oft sehr kritisch, manchmal auch sehr kontrovers agiert, und das ist sicher ein wesentlicher Mosaikstein einer Medienvielfalt.
Zum ersten Teil des Interviews.
Das Interview führten Gabriel Hartmann und Anja Melzer. Die Fotos schoss Christopher Glanzl. Video und Audio stammen von Thomas König.