Gerald Fleischmann, auch bekannt als “Mr. Message Control” von Sebastian Kurz, ist unter die Autoren gegangen. ZackZack hat seine verschriftlichte Trick-Kiste der Kommunikation gelesen.
Wien | Der Kommunikationsleiter der ÖVP und ehemalige Sebastian Kurz-“Spindoktor” Gerald Fleischmann erörtert in seinem soeben neu im Verlag „edition a“ erschienen Buch „Message Control“ die Kniffe der Kommunikation, Politik und Medien.
“Jeder hat eine Leiche im Keller”
Auf 300 Seiten behandelt Fleischmann in mehreren Unterpunkten etwa den Umgang mit Journalisten aus Pressesprecher-Sicht, wie man eine Story in die Zeitung bekommt und dabei den richtigen “Spin” gibt. Aber auch, wie man „bad news“ – schließlich hat jeder aus Fleischmann-Sicht eine Leiche im Keller – in sauren-Gurken-Zeiten begraben kann. Und natürlich geht es auch darum, wie man sich bei einer Geschichte richtig abputzt.
Begleitet werden diese Theorien und Methoden, die der türkise Spindoktor auflistet, anhand von internationalen Polit-Beispielen: zum Beispiel Margarete Thatcher, Richard Nixon oder François Mitterrand.
Vorzeigemodell Kreisky
Das Lieblingsexempel Fleischmanns dürfte allerdings ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler sein. Öfters muss Alt-Kanzler Bruno Kreisky als Beispiel herhalten, der es seiner Ansicht nach als erster österreichischer Kanzler verstand, Medien im persönlichen Umgang zu bedienen. Eine gewisse Bewunderung am Umgang des „Journalisten-Kanzlers“ schimmert aus den Zeilen des türkisen Strategen hervor. Einige Praktiken Kreiskys dürfte sich Fleischmann auch abgeschaut haben.
So erzählt er von Kreiskys Bürgertelefon, bei dem der Kanzler manchmal persönlich Anliegen der Bevölkerung entgegennahm. Die Inhalte der Gespräche landeten kurz darauf in den Tageszeitungen Österreichs. Eine Parallele etwa zu den Kinderbriefen an Ex-Kanzler Sebastian Kurz, dessen Medienbeauftragter Fleischmann ja war, die ihren Weg regelmäßig in die Zeitungen fanden, dürfte dem Leser dabei nicht verborgen bleiben.
Kurz Cobain
Apropos Sebastian Kurz: Der Ex-Kanzler spielt im Buch nur eine untergeordnete Rolle. Wird der Ex-Kanzler erwähnt, dann stets in Begleitung positiver Adjektive wie „jung“. Die plakativste Rolle nimmt Kurz wohl bei Fleischmanns „Nirvana-Taktik“ ein. Fleischmann vergleicht hier den Ex-Kanzler mit dem Lead-Singer Kurt Cobain. Die Theorie: Cobain hatte zwei verfeindete Musikgruppen miteinander vereint, indem er sich der Instrumente einer Gruppe, aber der Melodie der anderen bediente. Bei Kurz sei dies ebenso gewesenn, konstatiert Fleischmann. Er habe sich der Medienorgel der SPÖ mit den Inhalten der Konservativen bedient.
Fleischmann gesteht allerdings auch ein, dass der Vergleich mit Cobain von politischen Gegnern wohl als „frevelhaft“ interpretiert werden könnte. Kurz habe zudem, wie Cobain, zu früh den – politischen – Tod erfahren.
Absichtlich gestreuter “Unsinn”
Eine Taktik, über die Fleischmann offen redet und die auch zu Kurz-Zeiten eingesetzt wurde, ist „SNU“: Strategisch notwendiger Unsinn. Was damit gemeint ist? Gezielt gestreute Ablenkungsthemen über Empörung in den sozialen Netzwerken. Als Beispiel für einen klassischen „SNU“ führt Fleischmann die Klimapolitik an. Etwa, ob man durch Verzicht oder Fortschritt mehr für die Umwelt tun könne.
Die besten Teile des Buches sind wohl die persönlichen Anekdoten des ehemaligen Medienbeauftragten im Kanzleramt, die allerdings zu selten zur Sprache kommen, um von der Auflistung der Methoden und Praktiken für Abwechslung sorgen. Etwa wenn Fleischmann die Geschichte erzählt, als er vergaß, bei einer Pressekonferenz einen Dolmetscher zu organisieren.
Einer gewissen Ironie können sich zumindest drei Unterpunkte im Buch nicht ganz entziehen. So gibt Fleischmann Tipps zum richtigen Posten im Internet. Wir erinnern uns: Fleischmann selbst war es, der zu Beginn der Pandemie mit einem unabsichtlich gesendeten Tweet, der den Kanzler kritisierte (“Was für eine peinliche Inszenierung”), für Verwunderung sorgte.
Zweiter kurioser Punkt: dass Fleischmann rät, dass “jedes Schrifterl ein Gifterl” ist. Gegen den Autor wird so wie gegen den Ex-Kanzler in der Inseratenaffäre ermittelt. Ursprung der Ermittlungen: Viele “Schrifterln” in Form von Handynachrichten.
Ein dritter Punkt, der die Leser verwundert, ist der besonders lange Teil über das Nicht-so-ernst-Nehmen von Umfragen und wie Schwankungsbreiten bei Meinungsbefragungen funktionieren. Eben jener ist das zentrale Thema der Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Es gilt die Unschuldsvermutung. Als Beispiel nennt der türkise Stratege hierfür übrigens eine Brexit-Umfrage. Mit dem Beinschab-Tool hätte sich auch ein innenpolitisches Vorbild angeboten. Auf das hat Fleischmann aber scheinbar vergessen.
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