Am Tag der Pressefreiheit machen Printzeitungen mit einer leeren Seite auf, um gegen die Medienpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Eine Verlogenheit sondergleichen, schreibt der scheidende ZackZack-Chefredakteur Benjamin Weiser.
Wien | Interessanter als das diesjährige Ranking der Pressefreiheit ist die Unverfrorenheit sämtlicher Printmedien des Landes, die am Mittwoch mit einer leeren Seite aufmachen, weil sie sich von der Bundesregierung in Sachen Medienpolitik angeblich benachteiligt sehen. Vor allem gegenüber dem ORF. Vorgeschoben werden Pressefreiheit und Meinungspluralität, in Wahrheit aber dürsten die von Kirche, Raiffeisen und Austro-Oligarchen abhängigen Verlagshäuser nach noch mehr Inseratensubvention. Und damit nach noch mehr Wettbewerbsverzerrung.
Während der ORF – und ja, auch der muss selbstverständlich kritisiert werden dürfen – Teil der kritischen Infrastruktur des Landes ist, kann man das von etlichen, voneinander kaum unterscheidbaren Zeitungen nicht behaupten.
Steigbügelhalter
Wo waren all diese Medien, als der ehemalige Bundeskanzler Kurz einzelne Journalist:innen und die Justiz bereits zu einem Zeitpunkt zu diffamieren begann, als er noch fest im Sattel saß? Man kann das weltweit beobachten: Wenn Populisten über sich selbst fallen, fallen Medien über sie her. Aber wehe, Orban, Trump & Co. sind noch oder wieder an der Macht! Dann heißt es: „Lasst sie erst einmal arbeiten“. „Kurz ist unbestritten ein Talent“. „Gebt Meloni eine Chance, immerhin ist sie keine Putin-Liebhaberin“.
In meiner bald endenden, vierjährigen Zeit bei ZackZack ist so einiges passiert, was für investigative und kritische Medien nicht unüblich ist: Drohanrufe, Angriffe auf den Server, Ausfall des Kamerasystems, Spear-Phishing-Mails zur Überprüfung der finanziellen Situation, spionierende Oligarchenschergen und andere finstere Figuren unweit von Privatwohnungen. Unüblich war nur der Umstand, dass die Reaktionen aus der Medienlandschaft regelmäßig lautes Schweigen oder Häme waren. „Parteimedium“ war das unfaire Totschlagargument der Steigbügelhalter, die sich selbst gerne mit Selfies aus dem Kanzleramt oder von Benkos „Törggelen“ zu Wort meldeten. Ihr Rausch der Machtnähe wurde mit der Macht selbst verwechselt. Jetzt jammern diese Leute über zu wenig Geld vom Staat.
Genie und Wahnsinn
ZackZack hat vermeidbare Fehler gemacht. Die Berichterstattung war manchmal zu unsauber, nicht viel öfter als bei anderen, aber vielleicht in der Anfangszeit zu oft für ein Medium, das sehr viel auf einmal wollte. ZackZack war gesäumt von Pioniergeist, blutigen Anfängern, Selbstüberschätzung, Testosteron, aber eben auch von mutigen Menschen, die über jene aufdeckten, welche sich an der demokratisch verliehenen und teilweise erkauften Macht vergingen. Ob dieses verlässliche Schwanken zwischen Genie und Wahnsinn neben all den medienpolitischen Unterdrückungen dazu führen könnte, dass es ZackZack irgendwann nicht mehr gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann auch nur für die Redaktion und nicht für das Geschäft sprechen. Nur eines kann ich mit Gewissheit sagen: Es wäre schade.
Denn wer – mit Ausnahme von „Dossier” – soll dann noch dem streitbaren wie wichtigen „Falter“-Chef Florian Klenk zeigen, dass der Platz an der Sonne des Investigativjournalismus keine Selbstverständlichkeit ist? Kaum jemand kann so gut wie Klenk über bereits existierende Untersuchungen oder Ermittlungen („Reporting on Investigation“) berichten. Aber wer geht nachts in Drogenclubs, trifft sich mit Geheimdienstlern im Park, um trotz Millionenklagen den echten Schmutz eines Landes aufzudecken, das Besseres verdient hat?
Kleine Anekdote: Nachdem wir uns auf Twitter angeflegelt hatten, lud mich Klenk in seine Vorlesung ein. Ich sollte drei unserer besten Geschichten vorstellen. Sowohl die „Pöbel-Chats“, die das Aus von Thomas Schmid bei der ÖBAG bedeutet hatten, als auch die Enthüllung „Kurz und der Oligarchenjet“, die im Ausland zitiert worden war, aber in Österreich „ka Gschicht“, stellte ich im Hörsaal vor. Im Mittelpunkt stand allerdings die „Ho-Kain Affäre“. Eine Recherche, die Klenk wie die zwei anderen „nicht gebracht“ hätte. Die Schmid-Chats seien zu „privat“, die Jet-Geschichte angeblich zu wenig recherchiert, die Ho-Affäre zu gefährlich. Wir diskutierten hart, aber fair.
Letztlich kamen wir darauf, dass unterschiedliche Ansätze in der Berichterstattung für die Medienvielfalt wichtig sind. Genauso wichtig übrigens wie eine Branche, die sich nicht selbst anlügt, aber aus der Geisel der Regierungsabhängigkeit befreit. Dafür braucht es: die Abschaffung aller Regierungsinserate und neue Medien mit nachhaltigen, sich selbst tragenden Geschäftsmodellen. Die Branche werden nicht jene spürbar verbessern, die für kartellhafte Zustände mitverantwortlich sind.
Titelbild: ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com