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Das Ende des Westens

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Das Ende des Westens

Krieg, Krise, Inflation, Klimakatastrophe, jetzt Amerikas Schock-Wahl: Schlechte Nachrichten erschöpfen.

Jetzt ist es also doch passiert. Die nächste Schocknachricht, die in unseren Gehirnen aufschlägt. Donald Trump holt sich die US-Präsidentschaft zurück. Sie haben ihn also tatsächlich gewählt. Und beim letzten Mal hatte er noch Leute um sich, die ihn eingebremst haben – die berühmten „Erwachsenen im Raum“. Diesmal haben die verrückten Radikalen freie Hand. Und sie haben sich vorbereitet, haben einen Plan. Was wir gerade erleben, ist das Ende des Westens wie wir ihn kennen. Oder besser: Das ist das Ende des Westens.

Man legte sich hin in Sorge. Mit dem Terror des Vorgefühls. Schläft kaum und schlecht. Und dann, morgens, beim ersten Griff zum Smartphone, der schon erwartete Schrecken.

Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, dessen Dimension wir erst langsam begreifen werden.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da haben mich US-Wahlen nur mäßig erregt. Etwa, wenn Bill Clinton gegen George H. W. Bush angetreten ist. Der eine eher Linksliberal, der andere Liberalkonservativ. Ich hatte zwar meinen Favoriten, aber es kostete mir keine schlaflosen Nächte. Schön, wenn der eine gewinnt. Wenn der andere gewinnt, auch kein Drama. Bei Bundestagswahlen – etwa Helmut Kohl gegen Rudolf Scharping – war das nicht viel anders.

Die große Erschöpfung

Heute steht bei jeder Wahl die ganze moderne, pluralistische Ordnung auf dem Spiel. Und für alle Gesellschaften gilt: Es ist praktisch immer Wahlkampf, es ist ein permanenter Dauerwahlkampf mit großen Weltanschauungsschlachten. Jeden Tag geht es um das Ganze. Und dabei zugleich stets primär darum, das Schlimmste zu verhindern.

Wir werden von Nachrichten überflutet, oft von schlechten Nachrichten, von beängstigenden, von erschütternden, oder von empörenden Nachrichten. Im Ö1-Morgenjournal vom Wahltag sagte die ORF-Korrespondentin einen symptomatischen Satz darüber, wie sie die USA in den letzten Monaten erlebt hat: „Ich habe ein sehr politisiertes – und darin auch sehr erschöpftes – Land gesehen.“

Wir sollten an einem Tag wie diesem auch darüber sprechen: Über diese Erschöpfung.

„Nachrichtenmüdigkeit“

Medienkritiker und Zeitdiagnostiker sprechen heute schon von der „Nachrichtenmüdigkeit“. Roger de Weck, der ehemalige Chefredakteur der „Zeit“ und spätere Generaldirektor des Schweizer öffentlich-rechtlichen Rundfunks SRF hat über die Krise der Medien – und deren Beitrag zur gesellschaftlichen Krise – gerade ein sehr schlaues Buch geschrieben („Das Prinzip Trotzdem“). „Die mediale Aufgeregtheit macht nicht wenige Menschen ‚nachrichtenmüde‘“. Viele versuchen, den Medienkonsum zu vermeiden, um nicht in einen depressiven Zustand oder in ein permanentes Empfinden der Gereiztheit zu geraten. Die Medien verlieren damit Konsumenten – und versuchen mit noch fesselnderen, also noch emotionaleren Botschaften dagegen anzukämpfen. Denn was erregt, das sorgt für Klicks. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ weg von der „kuratierten Print-Zeitung“ hin zum Online-Konsum führt zur Jagd nach Klicks. Jeder einzelne Text muss sich beim Publikum durchsetzen (auch dieser, nebenbei gesagt).

Das macht etwas mit dem Journalismus und dann auch etwas mit der Nachrichtenlage.

Es ist eine Teufelsspirale, an deren Ende nicht nur die Medien ihre Glaubwürdigkeit einbüßen und ihre Geschäftsgrundlage untergraben, sondern die auch die Demokratie gefährdet. Dauerempörte und in Angst versetzte Bürger und Bürgerinnen sind die Folge. In der hyperpolitischen Gereiztheit, so de Weck, sind „viele Zeitgenossen wütend, verwirrt, einsam, aber vernetzt“. Medien, die im Kampf um Aufmerksamkeit sind, lieben die destruktive Pointe, was bis zu einem gewissen Grad kaum anders sein kann, da tendenziell vor allem schlechte Nachrichten „News“ werden. Logisch: Kommt der Zug planmäßig an, wird niemand darüber berichten, nur wenn er entgleist, ist es eine Nachricht wert. Was aber im medialen System schon immer angelegt ist, wird in der radikalisierten Aufmerksamkeitsökonomie toxisch. „Klicks sind reaktionär“, formuliert Roger de Weck. Wir werden mit so viel schlechten Nachrichten überschüttet, dass es unsere Weltwahrnehmung bizarr verfälscht.

Auch Polarisierung erschöpft

Das Stakkato an schlechten Nachrichten erschöpft uns. Das Gefühl der Erschöpfung ist ein charakteristischer Gemütszustand unserer Zeit. Es ist natürlich nicht nur ein mediales Phänomen, denn die Gründe für das Gefährdungsgefühl sind ja real. Erst brach mit der Pandemie ein Zustand der Anormalität und der Gefährdung in unsere Leben, dann Krieg, Krise, Inflation, ökonomische Sorgen und das Empfinden einer Welt, in der alles drunter und drüber geht und niemand mehr eine Kontrolle hat. Chaos, Unordnung und Gefahr, die schon um die nächste Ecke kommen kann. Und jetzt Trump.

Viele Menschen empfinden, dass sie einen täglichen Hochseilakt vollführen. 61 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, so ergab eine Studie in Deutschland, befürchten ein Burnout. 21 Prozent empfinden sich als so erschöpft, dass sie die Gefahr als „hoch“ einstufen. Sieht man sich verschiedene Umfragen und Studien an, so sagen auch viele Leute, dass sie die „Polarisierung“ der Gesellschaft als Erschöpfungsursache sehen. Dass sie der Hader, der sich bis in die Familien frisst, frustriert. Es ist in gewissem Sinne paradox und selbstreferenziell: Die Erschöpfung führt zu Gereiztheit und die Dauergereiztheit erschöpft dann erst recht.

Tech-Faschisten als Brandbeschleuniger

Die Weltlage eskaliert und kommt bei uns als eine permanente Abfolge schlechter Nachrichten an. Die Medien betreiben Erregungsbewirtschaftung, weil sie um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Schrille schlägt das Wahre und das Nachdenkliche und das Ambivalente. Rechte Populisten türmen auf echte Schrecken permanent erfundene Schrecken drauf, weil sie von der Angst leben, aber auch von der kopflosen Empörtheit und der Wut. Tech-Faschisten wie Elon Musk sind die Brandbeschleuniger. Doch die Algorithmen der sozialen Medien im Allgemeinen versuchen uns regelrecht süchtig nach dem Empörungsgefühl zu machen, weil sie wissen, dass Negativismus zu mehr „Interaktion“ der User führt als neutral formulierte Texthäppchen. Eure Erschöpfung ist ihre Geschäftsgrundlage.

Es hat relativ wenig Sinn über die Demokratiekrise, die Verlassenheitsgefühle einzelner Wählermilieus oder über „Protestwähler“ zu diskutieren, ohne die tiefe Strukturkrise der medialisierten Öffentlichkeit zu begreifen. Als zentrale Ursache für die großen Veränderungen, die die Weltordnung gerade von Grund auf erschüttern.   

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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