Initiative fordert „endlich“ Reformen
Seit dem Bildungs-Volksbegehren vor zehn Jahren habe sich nichts verbessert, im Gegenteil. Die früheren Initiatoren fordern jetzt Bund und Länder, auch als Reaktion auf die Pandemie, zu langfristigen Reformen auf.
Florian Bayer
Wien, 22. März 2021 | „Österreich ist sitzen geblieben“, sagt Hannes Androsch. Der Ex-Finanzminister (SPÖ) und Unternehmer war Initiator des Volksbegehrens Bildungsinitiative (VBBI) 2011, das hieß: „Österreich darf nicht sitzen bleiben.“
Genau das sei aber passiert, „Österreich ist sitzen geblieben“. Durch ausbleibende Reformen und kontraproduktive Maßnahmen (Wiedereinführung des Sitzenbleibens, Ziffernnoten in Volksschulen, etc.) sei die prekäre Situation noch verschärft worden.
Reformen, für die rund 380.000 Personen unterzeichnet hatten, seien an an der starken Ideologisierung der Bildungsdebatte gescheitert. Diese bestehe bis heute, so Androsch. Die Hauptforderungen, gemeinsame Schule bis 14 und Ganztagsschule, seien „nicht einmal ansatzweise“ umgesetzt worden. „Zarte Pflänzchen“, etwa Schulversuche für verbale Beurteilung und gemeinsame Schule, habe die ÖVP-FPÖ Regierung wieder abgeschnitten, sagt Mitinitiator Daniel Landau.
Gegen Schulschließungen, für mehr Sicherheit
In einer Pressekonferenz sprachen sich die Initatoren neuerlich für ihre langjährigen Forderungen sowie neue aus, etwa gegen Schulschließungen und verlängerte Osterferien. Sie forderten zudem eine Erhöhung der Testfrequenz und verbesserte Hygienebedingungen, denn Ziel müsse die „möglichst rasche Normalisierung des Schulbetriebs“ sein. Wenngleich Glattauer einräumte, dass auch Schulen „Orte der Ansteckung“ sind. Nachsatz: Wie das ganze Land.
„Es ist ungeheuerlich, nicht alles zu tun, um die Sicherheit zu erhöhen. ‚Koste es was es wolle‘ ist eine Verhöhnung. Ein bisserl Lüften kann es nicht sein“, so Landau. Er fragt sich, warum nicht längst flächendeckend Luftreinigungsgeräte in allen Kindergärten und Schulen installiert wurden. Der Traiskirchner Bürgermeister Andi Babler habe gezeigt, dass das geht.
Initiator Hannes Androsch. Bild: APA Picturedesk.
Auch brauche es ein Öffnen der Schulen im Sommer – nicht über Zwang, sondern mit Anreizen, etwa ECTS für Lehramts-Studierende. „Es muss auch im Sommer ein Betreuungs- und Lehrangebot geben. Ich bin überzeugt, das ist möglich: nicht nur heuer, sondern generell“, meinte Glattauer. Lehrern müsse die Möglichkeit gegeben werden, ihren Urlaub auch unter dem Schuljahr zu konsumieren.
Leistungsbeurteilung, Digitalisierung, Individualisierung
Auch die Leistungsbeurteilung sei zu hinterfragen, sagt Unternehmensberaterin und Mitinitiatorin Gundi Wentner: „Schon in normalen Zeiten sind Noten nur pseudoobjektiv. Heuer können sie gar nicht objektiv sein“. Ein „Nicht genügend“ solle es daher heuer nur in Ausnahmefällen geben, ein Sitzenbleiben nur dann, wenn Eltern, Lehrer und der betroffene Schüler übereinstimmen, dass eine Klassenwiederholung sinnvoll ist.
Auch eine Digitalisierungsoffensive fordert die Initative. „Der Bund muss dafür sorgen, dass Schulen digital betreut werden. Es braucht Teams, die verpflichtend an die Schulen kommen“, so Glattauer. Gefordert wird auch eine Rücknahme der Pflichtstundenreduzierung. Die entsprechenden ein bis zwei Wochenstunden sollen in ein Schulfach „Digitales Lernen“ fließen.
Weiters tritt die Initiative für eine stärkere Individualisierung ein, in Zeiten der Pandemie und darüber hinaus. Jedem Schüler müsse ein individuelles Angebot gemacht werden, vor allem, wenn es zu neuerlichen Schulschließungen kommt. Zu jenen Schülern, die man sonst gar nicht erreicht, sollen Lehrer auch nach Hause kommen.
„Stiefmütterliche Behandlung“
Auf die „besonders betroffenen“ Kinder in den 2017 von ÖVP und FPÖ eingeführten Deutschförderklassen verweist Heidi Schrodt. „Sie erhielten als einzige Gruppe keine Erleichterungen“, so die langjährige Schuldirektorin. Schrodt fordert ein „sofortiges Aussetzen des umstrittenen MIKA-D-Tests“, der Schülerinnen um bis zu zwei Jahre zurückwerfen kann. „Stattdessen braucht es eine Neuausrichtung der Deutschförderung ab der Kinderkrippe.“
Auf die vernachlässigte Elementarpädagogik wies Landau hin und fordert u.a. einen Maximalschlüssel von sieben Kindern pro Pädagoge sowie gleiche Bezahlung aller Lehrerinnen bzw. Pädagogen. Derartige Versprechen gebe es schon seit 20 Jahren, nun müsse man sich überlegen, „wie man dem arbeitsrechtlich begegnen kann“, so Landau, der Streiks andeutete.
„Stiefmütterlich behandelt“ würden auch die Sonderschulen. Diese müssten laut Landau „endlich“ in das Regelschulsystem überführt werden, „wie das in anderen Ländern längst geschehen ist“. Dazu habe sich Österreich 2008 mit dem Unterzeichnen der Behindertenrechtskonvention verpflichtet, geschehen sei seither fast nichts.
Wichtig sei es, nicht vorhandene Defizite, sondern die Förderung von Talenten zu fokussieren. Von „Sollbruchstellen“ spricht Erwin Greiner, stellvertretender Vorsitzender der Initiative „Bildung Grenzenlos“, bei den Übergängen nach der Volksschule und nochmal mit 13,14 Jahren. Damit komme frühzeitig Angst ins Spiel, die die anfängliche Neugier ablöst.
Mit dieser Forderung schließt die Initiative an ihre Anfänge von 2011 an. Zeit dürfe jedenfalls keine mehr verloren werden, betont Initator Androsch: „Was vor zehn Jahren ein Weckruf war, ist heute ein alarmierender Weckschrei.“
Titelbild: APA Picturedesk