Der FPÖ-nahe Sender AUF1 berichtete zuletzt über angeblich “katastrophale” Zustände an einer Grazer Volksschule. Die Direktorin spricht hingegen von einer ganzen Reihe falscher Behauptungen. Diese wurden auch von Herbert Kickl übernommen.
Der in Linz ansässige Sender AUF1 bewirbt sich selbst als “alternatives” und “unabhängiges” Fernsehen. Vom Verfassungsschutz wird das Medium dagegen als “rechtsextremistisch” bezeichnet, Experten orten eine Plattform für Desinformationskampagnen. Erst am Mittwoch löschte Facebook die Seite des Senders. Für die FPÖ ist AUF1 gleichzeitig immer mehr die erste Wahl, wenn es um die Verbreitung ungefilterter Botschaften geht. Nach den Hochrechnungen der Nationalratswahl schritt Herbert Kickl ganz bewusst für das erste Interview zu den Moderatoren des “Alternativmediums.”
Vor zwei Wochen funktionierte das Tandem FPÖ-AUF1 dann wieder einmal wie einstudiert: Der Sender brachte einen Beitrag über eine Grazer Volksschule, in der sich “katastrophale” Zustände abspielen würden. Eine nicht namentlich genannte Mutter tritt darin auf und berichtet über ihre Tochter, die das einzige österreichische Kind in ihrer Klasse sei und deshalb Benachteiligung erfahre. Der Beitrag wurde in voller Länge von Herbert Kickl auf Facebook gepostet und erhielt eine erhebliche Reichweite: tausendmal wurde er geteilt, hundertfach empört kommentiert. Auch andere FPÖ-Medien wie unzensuriert.at pushten den Beitrag.
Gegenüber ZackZack nimmt nun jedoch die Direktorin der betroffenen Schule Stellung. Sie versichert: In dem Beitrag finden sich mehrere zentrale Behauptungen, die keineswegs der Wahrheit entsprechen. AUF1 will sich dazu auf Nachfrage nicht äußern.
Einzige Österreicherin? Keine Noten für alle anderen? Direktorin widerspricht
Moderiert wird der rund achtminütige Beitrag von Redakteur Philipp Huemer, der zuvor jahrelang bekanntes Gesicht der heimischen Identitären war und kürzlich bei dem Sender andockte. Schauplatz ist die Volksschule Graz Hirten, an der in der Tat ein hoher Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund vorherrscht: Knapp 90 Prozent geben Deutsch nicht als Erstsprache an, 45 Prozent sind außerordentliche Schüler.
Doch bereits nach 20 Sekunden präsentiert der Redakteur vermeintliche Fakten, die nach Angaben der Schule nicht der Wahrheit entsprechen: “Hier geht seit einem Jahr die kleine Lea in die Schule, sie ist in ihrer Klasse die einzige Österreicherin”, heißt es vom Moderator. Es folgt ein Interview mit einer Mutter, in dem erzählt wird, dass Lea in ihrer Klasse das einzige Kind mit ordentlichem Status sei und auch als einzige in ihrer Klasse benotet werde. Auch von physischer Gewalt ist die Rede.
Auf Nachfrage erklärt Direktorin Anke Friesenbichler gegenüber ZackZack: “Wir legen großen Wert auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte aller Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern. Aus diesem Grund sehen wir davon ab, Auskünfte zu Einzelpersonen zu erteilen. Wir möchten jedoch einige Punkte klarstellen: Die Behauptung, es gäbe nur ein einziges Kind österreichischer Staatsbürgerschaft in einer der Klassen, entspricht nicht den Tatsachen.”
“Mehrere Unwahrheiten”
Friesenbichler führt weiters aus: “Das in Umlauf befindliche Video enthält mehrere Unwahrheiten. So ist beispielsweise die Behauptung, Kinder mit dem Status einer/s außerordentlichen Schüler/in würden keine Noten erhalten, falsch.” Vielmehr sei es so, dass außerordentliche Schüler – die etwa mangelhafte bis keine Deutschkenntnisse haben – jedenfalls in jenen Fächern benotet werden, in denen Sprachdefizite kein Hindernis sind. So sieht es auch das Schulunterrichtsgesetz vor. Laut der Direktorin gebe es an der Schule Kinder mit außerordentlichem Status, die gute Leistungen erbringen.
Friesenbichler betont, es sei – wie im AUF1-Beitrag berichtet – falsch, dass es an ihrer Schule eine Klasse gebe, in denen nur ein einziges Kind mit ordentlichem Status sitze. Falsch sei zudem auch, dass nur ein einziges Kind einer Klasse Noten erhalte, was ebenfalls im AUF1-Bericht behauptet wird. Zu Gewaltvorwürfen teilt sie mit: “Der Schulleitung und den Lehrpersonen sind keine Zwischenfälle zur Kenntnis gelangt, bei denen es zu Gewaltanwendungen gekommen wäre. Auch vonseiten der Eltern wurden keine derartigen Vorfälle gemeldet oder thematisiert.” Man stehe “für ein respektvolles Miteinander, eine offene Kommunikation und gegenseitigem Respekt.”
Erst nach gut sieben Minuten wird in dem Beitrag eine kurze Stellungnahme der Schule eingeblendet, laut dem die Vorwürfe “jeglicher Grundlage” entbehren würden. Auf welche Informationen sich die Schule dabei aber bezog, bleibt im Video völlig offen. Trotz des Dementi der offiziellen Stelle hob das Medium die Information “Tochter ist einzige Österreicherin in Klasse“ in die Schlagzeile und betonte die Information mehrmals. Auch Herbert Kickl beschrieb mit diesem angeblichen “Faktum” sein Facebookposting.
Was sagt FPÖ?
Einen längeren Auftritt hat in dem Video die FPÖ-Bezirkspolitikerin Jutta Poglitsch. Gegenüber ZackZack will sie sich am Telefon nicht zu dem Video äußern und verweist nur auf den Pressesprecher der FPÖ Steiermark. Warum sie sich gegenüber AUF1 sehr wohl äußerte? Das sei ja “unser Sender”, so Poglitsch knapp.
Eine Aussage, die Pressesprecher Philipp Könighofer mangels angeblicher Ernsthaftigkeit nicht weiter kommentieren will. Könighofer hebt den hohen Anteil von Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache hervor, der ja stimmen würde. Weitere Informationen der Schule könne er nicht beurteilen, er sei aber auch nicht der Pressesprecher von AUF1. Grundsätzlich sei auch die Mutter als ernstzunehmende Quelle zu sehen. Sorgen von Eltern will auch ZackZack nicht abtun – allerdings liegt es an Journalisten, Wahrnehmungen zu prüfen und entsprechend zu transportieren. Einer Mutter ist es wohl nicht möglich, Staatsbürgerschaften oder den Status von Schulkindern festzustellen.
ZackZack stellte daher AUF1 eine Reihe von Fragen, auf welche Quellen man sich bei den oben erwähnten Informationen beziehe und warum diese trotz Dementi der Schule derart zentral platziert wurden. Auch wollten wir wissen, ob für AUF1 Kinder mit österreichischer Staatsbürgerschaft aber anderer Erstsprache als “Österreicher” gelten. Antworten darauf gab es nicht.
Titelbild: APA / Roland Schlager