Kommentar
Kaum weilt Sebastian Kurz in Amerika, geht seine Fantasie mit ihm durch. Im Interview mit der Krone pflegt er folglich einen kreativen Umgang mit der Wahrheit.
Thomas Walach
Wien, 23. September 2021 | Es ist ein klassisches Manöver von Sebastian Kurz: Einfach, aber effektiv. Schon Anfang September war der Kanzler als Beschuldigter wegen falscher Beweisaussage im Ibiza-Untersuchungsausschuss befragt worden. Investigativmedien wie das „Profil“ und ZackZack konnten dafür wochenlang keine offizielle Bestätigung bekommen.
Dann steckten die Medienleute des Kanzlers die Information ausgewählten Journalisten. Unterlagen zur Überprüfung des Gesagten – etwa das Protokoll der Vernehmung – gaben sie ihnen nicht. Die beschenkten Redakteure hatten also keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob das, was die Message Controller ihnen über die Vernehmung erzählten, stimmt.
Doch dass der Kanzler einvernommen wurde, hat Nachrichtenwert. Also brachten die ausgewählten Medien die Geschichte eben mit dem Spin aus dem Kanzleramt. Warum gerade jetzt, Wochen nach der Befragung?
Der Grund ist ganz einfach. Kurz weilt gerade in New York. Er kann also zur Causa nur von jenen handverlesenen Journalisten befragt werden, die er genau zu diesem Zweck auswählte und als Teil seiner Delegation mitnahm.
„Ich muss zu…“ meinem Computer
Auftragsgemäß veröffentlichte die „Krone“ ein Interview, in dem Kurz ausgiebig erklären durfte, wie ungerecht er von der Justiz behandelt werde. Titel: „Kanzler Kurz hält fest: Die Vorwürfe sind falsch“. Ah, na wenn er das festhält! Der Text endete mit dem Satz Kurz‘: „Entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss zu US-Präsident Joe Biden.“
Abgesehen davon, dass dieser Satz keinen Informationsgewinn für die Leser bietet – warum ist im Zusammenhang mit einer Beschuldigtenvernehmung interessant, zu welchem Termin Kurz als nächstes geht? – handelt es sich um Propaganda. Die „Krone“ tut, als hätte Kurz einen Termin mit Biden gehabt. Tatsächlich durfte Kurz nur bei einer Videokonferenz mit dutzenden Teilnehmern zuhören, bei der Biden über Corona sprach.
Die Fantasiefrist
Und dann brachte die „Krone“ auch noch eine glatte Unwahrheit unter: „Es gab nach der Einvernahme gewisse Fristen zu beachten,“ sagt Kurz auf die Frage, warum er die Informationen über seine Einvernahme gerade jetzt publik machte.
Das ist Unsinn. WKStA und Landesgericht bestätigen auf Nachfrage, dass es solche Fristen nicht gibt. Als Beschuldigter hätte Kurz Informationen über seine Einvernahme veröffentlichen können, wann immer er wollte. Wie also kommt der Bundeskanzler auf die Idee, über einen Fristenlauf zu sprechen, der frei erfunden ist? Kurz‘ Anwalt Werner Suppan und das Kanzleramt waren in dieser Frage leider nicht erreichbar. Es gibt aber ohnehin nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder Kurz wurde von seinem erfolgreich abgebrochenen Jusstudium so sehr verwirrt, dass er Fristenläufe zusammenfantasiert, wo es keine gibt. Oder er lügt eben. Warum auch nicht, wenn es rein geht?
Man kann es Kurz und seiner Medientruppe kaum verdenken, wie sehr sie Österreichs Journalisten nach ihrer Pfeife tanzen lassen: Die tanzen eben so gern.
Titelbild: APA Picturedesk