Kommentar
Lieber das Land vor der ganzen Welt blamieren, als weiter über das Cobra-Saufgelage daheim reden – das ist aktuell der Plan des Kanzlers. Nehammer fürchtet sich zurecht.
Thomas Walach
Wien, 11. April 2022 | Da gibt der aktuelle ÖVP-Kanzler ein Hintergrundgespräch vor ausgewählten Medien. Aus Hintergrundgesprächen darf eigentlich nicht berichtet werden. Nicht so hier: Es soll berichtet werden, aber nur von den richtigen Medien und zum richtigen Zeitpunkt. Alle geladenen Hofberichterstatter nicken brav.
Die „Bild“, die vom Inhalt des Gesprächs wohl aus anderer Quelle erfahren hat, macht der schönen Inszenierung einen Strich durch die Rechnung. So erfahren Öffentlichkeit und Koalitionspartner aus dem deutschen Boulevard: Nehammer fährt nach Russland, um Putins blutige Hand zu schütteln.
Ich muss jetzt zu Putin!
Was will Nehammer bei Putin? „Friedensverhandlungen!“, frohlocken die einen. „Finstere Machenschaften!“, mutmaßen die anderen. Es ist der typisch kleinstaatliche Größenwahn, der viele glauben lässt, der Herr Karl hätte irgendwas bei irgendwas mitzureden. Wir erinnern uns an Sebastian Kurz‘ Erklärung: „Ich muss jetzt zu US-Präsident Joe Biden!“ Klang besser als die Wirklichkeit: „Ich darf jetzt bei einem Videovortrag von Biden vor dutzenden Regierungschefs zuhören.“
Die Wirklichkeit ist auch bei Nehammer so viel kleiner und schäbiger, dass es uns allen ein bisserl wehtut, obwohl wir nichts dafür können. Herr Karl will von der besoffenen Cobralibre-Geschichte seiner Frau und seiner Leibwächter ablenken. „Also bitte, das ist doch keine Geschichte!“, dekretieren Österreichs Mainstream-Journalisten, allen voran Falter-Chef Florian Klenk.
Ka Gschicht
Ist es aber doch. Uns Österreicher kann man um Millionen unseres Steuergelds betrügen, das macht uns nichts. Es sind die kleinen, nachvollziehbaren Geschichten, über die Politiker stolpern. Nicht das Ibiza-Video hat Strache politisch erledigt, sondern seine Spesenabrechnungen. Nicht der ÖBAG-Umbau hat zu Thomas Schmids Rücktritt geführt, sondern die ZackZack-Veröffentlichung über seine „Pöbel”- und „Tiere“-Chats.
Dass zwei Polizisten sich mit der Kanzlergattin ansaufen und dann mit der Puffn im Holster mit dem Dienstwagen einen Unfall bauen – schlimm genug für die Polizisten. Aber dass die Behörden darüber unter fleißig gespielter Empörung des Kanzlers lügen, dass sich die Balken biegen, das verzeihen die Österreicher nicht so schnell. Denn jeder andere würde für so ein Verhalten seinen Job verlieren und vor dem Richter landen.
Kurz für Arme
Also begibt sich der Herr Karl auf die Flucht. Erst in die Ukraine zu Präsident „Seljenski“ (sic!) und als das nicht reicht eben nach Russland, zu Putin. Ist das hundsmiserable, peinliche Außenpolitik? Na klar. Aber wegen schlechter Politik musste in Österreich noch kein Kanzler zurücktreten. Das sitzt der Herr Karl bei einem Moskauer Cobratini aus.
Vergessen wir nicht, dass Nehammer ein Teil der türkisen Partie ist! Das System Kurz findet mit ihm als Kanzler seine zur Farce verkommene Fortsetzung, das notorische Bluffen und Lügen inklusive.
Titelbild: APA Picturedesk